Sind wir nicht alle ein Stück weit Narzissten? Siegmund Freud, der 1894 erstmals von narzisstischen Neurosen sprach, übersetzte den Begriff damals noch mit Größenwahn. Heute denken wir eher an einen über die Maßen selbstverliebten Menschen. Das passt auch zur Herkunft des Worts: Der schöne Narkissos aus der griechischen Sagenwelt war so sehr in sein Spiegelbild im Wasser verliebt, dass er starb, als ein herabfallendes Blatt das Spiegelbild störte. Sein Leichnam verwandelte sich danach in eine wunderschöne Narzisse, bis heute bekannt als Symbol der Wiederauferstehung.

Subklinischer Narzissmus – der heimliche Narzisst in uns

Es gibt auch andere Varianten, wie die Sage endet. Gemeinsam ist ihnen allen, dass Narziss bei seinen Mitmenschen durch Charme, Charisma und Redegewandtheit sehr beliebt ist, aber später wegen seines Strebens nach Bestätigung und Dominanz, durch Rastlosigkeit und Ungeduld ums Leben kommt. Zwar sterben Narzissten heute nicht gleich an ihrer gestörten Selbstwahrnehmung, aber die restlichen Eigenschaften wurden schon vor mehr als zweitausend Jahren in der griechischen Mythologie zutreffend beschrieben. Erst bewundern wir den Narzissten, später nervt er nur noch durch seinen Wunsch nach Anerkennung, mangelnde Kritikfähigkeit und fehlende Empathie. Bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts arbeiteten Psychoanalytiker heraus, dass es einen „normalen“ (subklinischen) Narzissmus gibt, der nicht gleichzusetzen ist mit einer behandlungsbedürftigen narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS). Aber auch dieser Narzissmus ist nicht gesund. Er ist vielmehr Ausdruck eines lebenslangen Prozesses, das wahre Selbst zu finden. Narzissten können nicht damit leben, Fehler zu haben. Sie genügen nie ihren Ansprüchen an sich selbst, sodass Rückschläge wie Trennung oder Verlust des Arbeitsplatzes eine schwere Krise auslösen können.

Pathologischer Narzissmus – so wird er diagnostiziert

Im Gegensatz zum umgangssprachlich so bezeichneten narzisstischen Charakter hat die narzisstische Persönlichkeitsstörung Symptome, die recht klar abgrenzbar sind. Das Klassifikationsmodell der American Psychiatric Association zählt neun Kriterien auf, von denen mindestens fünf erfüllt sein müssen, um NPS zu diagnostizieren. Das sind zum Beispiel Gefühl der eigenen Wichtigkeit, Fantasien von grenzenlosem Erfolg, Verlangen nach übermäßiger Bewunderung, Anspruchsdenken, Neid und Arroganz. Ein Alternativmodell erkennt NPS an einer Beeinträchtigung in mindestens zwei der Bereiche Identität, Selbststeuerung, Empathie und Nähe, wenn diese gekoppelt ist mit einem der Persönlichkeitsmerkmale Suche nach Aufmerksamkeit oder Grandiosität, also Anspruchshaltung und Selbstbezogenheit. Genaue Zahlen über die Verbreitung von NPS nach diesen Definitionen gibt es nicht. Schätzungen gehen auf bis zu 6 % mit einem Schwerpunkt bei jungen Erwachsenen im Alter von Mitte zwanzig bis Ende dreißig. Als hilfreich haben sich bei der Behandlung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung Gesprächs- und Gruppentherapie erwiesen. Sie machen dem Narzissten die Nachteile seines zuvor unbewussten Verhaltens transparent. Oft steht aber auch die Bewältigung einer akuten, durch NPS verursachten Krise im Mittelpunkt der Behandlung.

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